„Erdogan will die türkische Gemeinde spalten“

Frau Dagdelen, welche Erkenntnisse haben Sie über Verbindungen zwischen den Osmanen Germania und Präsident Erdogan?

Sevim Dagdelen: Aus Abhör- und Observationsprotokollen deutscher Sicherheitsbehörden wissen wir, dass der türkische AKP-Abgeordnete Metin Külünk, ein enger Freund Erdogans, Führungsmitgliedern der Osmanen Geld hat zukommen lassen. Die Ermittler gehen davon aus, dass davon auch Schusswaffen gekauft wurden.

Welche Rolle spielt der Boxclub dabei?

Die Osmanen gehören neben den Agenten des Geheimdienstes MIT, den Ditib-Moscheen und Lobbygruppen wie der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) zum Erdogan-Netzwerk in Deutschland. Sie fungieren als Schlägertruppe. Zu diesem Netzwerk gehören auch die türkische Muslimbruderschaft, die islamische Gemeinschaft Milli Görüs und die rechtsextremistischen Grauen Wölfe.

Lässt sich ein direkter Einfluss Erdogans auf die Osmanen und den Kulturverein UETD nachweisen?

Die UETD ist kein harmloser Kulturverein. Sie arbeitet wie eine Art Lautsprecher der Regierungspartei AKP in Deutschland und hat eine Scharnierfunktion. Mitglieder der Osmanen sind häufig das Sicherheitspersonal bei UETD-Veranstaltungen. Und über die UETD läuft die Verbindung zur türkischen Führung. So organisierte der Mannheimer UETD-Vorsitzende Yilmaz Ilkay Arin ein Treffen zwischen einem der engsten Erdogan-Berater, Hakki Ilnur Cevik, und dem Deutschland-Chef der Osmanen. Der versprach dabei, gegen die „Feinde der Türkei und Terroristen zu kämpfen, egal, wo sie sich befinden“.

Wird der türkisch-kurdische Konflikt jetzt durch die Bandenrivalität in Deutschland ausgetragen?

Der türkische Präsident setzt gezielt auf die Polarisierung der türkeistämmigen Gemeinde in Deutschland. Der Krieg gegen die Kurden wird zum Religionskrieg hochstilisiert. Das ist ebenso zu verurteilen wie die Anschläge auf Einrichtungen der Ditib oder türkischer Vereine und Geschäfte. Aber alle mir bekannten kurdischen Vertreter haben die Gewalt scharf verurteilt und sich davon distanziert.

Auch die kurdischen Organisationen wie die offiziell aufgelöste Bahoz haben Gewalttaten begangen . . .

Verbrechen müssen aufgeklärt und geahndet werden. Kriminelle Strukturen müssen zerschlagen werden, egal, welchen Anstrich sie sich geben.

Wurden Sie wegen Ihrer Kritik schon bedroht?

Nach der Armenien-Resolution des Bundestages haben Hetze und Bedrohungen enorme Ausmaße angenommen. Ich wurde als „armenische Hure“ und „Nutte“ bezeichnet. Drohungen kamen bei mir an wie „Erdogan wird es dir besorgen“ oder „Im KZ ist noch ein Platz für dich frei“. Ich werde in AKP-nahen Medien immer wieder zur Zielscheibe gemacht. Man versucht auch diejenigen einzuschüchtern, die mich zu Veranstaltungen einladen. In Iserlohn war es schwer, überhaupt einen Saal zu finden.

Das Gespräch führte Rafael Binkowski.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten

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