Die ukrainischen Angriffe auf die Atomstreitkräfte Russlands sind ohne Unterstützung aus der NATO nicht denkbar. Offensichtlich soll erneut eine mögliche Kompromisslösung zur Beendigung des Krieges torpediert werden. Kolumne von Sevim Dagdelen im Overton-Magazin vom 4. Juni 2025.
Die Angriffe auf die russischen Atomstreitkräfte Anfang Juni 2025 stellen nicht nur eine weitere Eskalation im Ukrainekrieg dar, sondern könnten auch einen neuen Wendepunkt markieren. Die Attacken Kiews sind ohne westliche Unterstützung undenkbar und zielen offenbar darauf ab, Russlands Doktrin zum Einsatz von Atomwaffen herauszufordern. Das bedeutet, dass die NATO hier aufs Ganze geht. Zum ersten Mal hätte das Militärbündnis die Atomstreitkräfte einer Nuklearmacht angegriffen – auch, um zu testen, ob Russland daraufhin zum Einsatz von Atomwaffen greifen würde.
Dieses „Chicken Game“, dieses Feiglingsspiel, ist darauf ausgerichtet, alles zu riskieren. Wie zwei aufeinander zufahrende Lastwagen auf einer zu engen Straße, gibt das Militärbündnis Gas, um zu testen, ob nicht Russland zuerst ausweicht. Als Ergebnis des ukrainischen Angriffs steht bereits fest: Die Istanbuler Verhandlungen werden – wie schon 2022 – mit Hilfe des Westens torpediert. Auch wenn Russen und Ukrainer weiterhin gemeinsam am Tisch sitzen und sich über Gefangenenaustausche verständigen, ist de facto nichts mehr zu verhandeln. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wie schon 2022 will die NATO den Krieg fortsetzen, um – wie es die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock offen formulierte – „Russland zu ruinieren“. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Ukraine weiterhin als Spielball der NATO dient und die Menschen dort für dieses Kriegsziel sterben sollen.
Deutschlands wirkliche Hauptstadt: Ramstein
Auch die Ablehnung der russischen Waffenstillstandsbedingungen durch die Ukraine – darunter die Forderung, die westliche Militärhilfe während einer Feuerpause einzustellen – spricht dafür, dass auf Seiten der Ukraine und ihrer westlichen Unterstützer kein echtes Interesse an einem kurzfristigen Waffenstillstand besteht.
Gleichzeitig kommt es zu wichtigen Umstrukturierungen bei der westlichen Unterstützung der Ukraine. So ziehen die USA ihre Truppen aus dem ukrainischen Logistikdrehkreuz in Polen ab, während europäische NATO-Staaten einspringen. Wie bereits beim Ukraine-Hauptquartier in Wiesbaden, übergeben die USA auch hier die Verantwortung zunehmend an die NATO – unter anderem, um Kapazitäten in Richtung China verlagern zu können. Ende Mai 2025 erklärte US-Verteidigungsminister Peter Hegseth in Singapur, die Vereinigten Staaten seien bereit, „gegen China zu kämpfen und zu gewinnen“.
Die Europäisierung der NATO-Konfrontation mit Russland bedeutet vor allem, dass Deutschland in die erste Reihe dieses Stellvertreterkrieges rückt. Der französische Intellektuelle Emmanuel Todd brachte es kürzlich auf den Punkt: „Deutschland hat seine Unabhängigkeit verloren. Seine Hauptstadt ist Ramstein.“ Europa werde „unter amerikanischer Vormundschaft neu strukturiert“.
Die NATO-Staaten sollen den US-Hegemonieverlust aufhalten
Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz bei US-Präsident Donald Trump steht genau unter diesem Vorzeichen. Wie beim von Trump geforderten Fünf-Prozent-Aufrüstungsziel, dem der neue deutsche Außenminister Johann Wadephul willfährig zustimmte – obwohl es jährliche Militärausgaben von fast 50 Prozent des Bundeshaushalts bedeutet –, geht es darum, neue Direktiven entgegenzunehmen. Die USA geben Deutschland eine Politik vor, die den globalen Hegemonieverlust Washingtons aufhalten soll. Dafür soll Deutschland bei einer NATO-Eskalation gegen Russland eine führende Rolle übernehmen.
Union, SPD und Grüne zeigen sich folgsam. Auch Die Linke hat im Bundesrat der Grundgesetzänderung zur unbegrenzten Aufrüstung zugestimmt. Die AfD versteckt ihren transatlantischen Gehorsam à la Meloni und ihre Unterstützung für Trumps gigantische Aufrüstungsagenda vorerst noch hinter Friedensfloskeln in Richtung Osten.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Diese Politik spielt mit der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in Europa – und zwar Russisches Roulette.

