Großmachtnostalgie und deutsche Atomwaffen
In der Traditionslinie des deutschen Konservatismus: Geht es nach Jens Spahn und der AfD, soll sich Deutschland Zugriff auf nukleare Bewaffnung verschaffen. Kolumne von Sevim Dagdelen im Overton-Magazin vom 2. Juli 2025.
Kein Hinterbänkler der Union, sondern Fraktionschef Jens Spahn persönlich fordert, dass sich Deutschland den Zugriff auf Atomwaffen verschaffen soll. Jetzt rudert Bundeskanzler Friedrich Merz unter Verweis auf die nukleare Teilhabe innerhalb der NATO zurück. Der Kanzler beschied, „dass wir alles tun sollten, um auch für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, die nukleare Teilhabe mit den Vereinigten Staaten von Amerika aufrechtzuerhalten.“ Wer aber glaubt, dass dies als Entwarnung zu verstehen sei, der muss sich fundamental getäuscht sehen.
Spahns Vorstoß ist auch nicht mit einer Ablenkungsdebatte von seiner Maskenaffäre erklärbar, wie es etwa die SPD politisch einzuordnen versucht. Spahns Plädoyer für deutsche Atomwaffen ist ein Versuchsballon, wie wohl die internationale Öffentlichkeit auf diesen Vorstoß reagieren würde.
1958 und heute: Begründung für Atombewaffnung gleichen sich
Das vorgebliche Zurückrudern des Kanzlers macht vor dem Hintergrund des Vorantreibens einer Diskussion um einen Großmachtstatus Deutschlands Sinn. Denn Merz wie Spahn ist die einfache Wahrheit durchaus bewusst: Ohne deutsche Atomwaffen wird es keinen deutschen Großmachtstatus geben. Und genau dieser aber scheint das Ziel des Kanzlers, der die Bundeswehr zur größten Armee Europas machen will.
Es ist wahrlich kein Zufall, dass sich Spahn in die Traditionslinie des deutschen Konservatismus einschreibt, was den Drang zu deutschen Atomwaffen angeht. Bereits 1958 hatte der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU beschlossen, dass sich die Bundeswehr unter dem Oberbefehl der NATO atomar bewaffnen sollte. In der Folge mobilisierte eine große Friedensbewegung, die auch SPD, Gewerkschaften und Kirchen umfasste, unter dem Motto „Kampf dem Atomtod“ gegen die Union und ihre Absicht, Deutschlands Großmachtstatus durch die Beschaffung von Atomwaffen wiederherzustellen.
Die Kampagne trug dazu bei, dass die Bundeswehr nie mit Atomwaffen ausgestattet wurde. Beerdigt wurde das Großmachtansinnen aber von US-Präsident John F. Kennedy und den Vereinigten Staaten, denen eine Atommacht Deutschland suspekt war. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der noch 1954 erklärte, keine Atomwaffen auf deutschem Boden herstellen zu wollen, hatte die Atompläne wesentlich mit vorangetrieben und kandidierte 1963 aus Altersgründen nicht mehr. Sein Nachfolger Ludwig Erhard stellte alle Bemühungen um eine deutsche Atombewaffnung ein. Es ist bemerkenswert, wie sich die Begründungen für eine deutsche Atombewaffnung damals und heute gleichen. Unter Adenauer war es der Verweis auf die sowjetischen Atomwaffen, heute wird die erwünschte Beschaffung von Atomwaffen durch die russischen Atomwaffen verargumentiert.
Angeblich hemmt Russland Deutschlands Großmachtansinnen
Spahns Vorstoß zeigt, dass man beim Versuch, einen Großmachtstatus Deutschlands wiederherzustellen, keine Rücksicht mehr auf Völkerrecht und Einigungsvertrag nimmt. Die Forderung des Unionsfraktionschefs ist denn nicht nur ein klarer Bruch des Nichtverbreitungsvertrages von Atomwaffen, der durch Deutschland unterzeichnet und ratifiziert wurde, sondern auch des im Zwei-plus-Vier-Vertrag festgehaltenen Verzichts auf Atomwaffen als Preis für die deutsche Einheit. Deutschland, so der Einigungsvertrag, sollte eben nicht wieder versuchen, Großmacht zu werden. Das aber ist jetzt über 30 Jahre später obsolet geworden. Spahn zielt darauf, die völkerrechtlichen Bindungen im Ergebnis der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg endlich loszuwerden. Merz teilt das Ziel, aber weiß, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist. So gehen die deutschen Konservativen nach vorne: zwei Schritte vor, einen Schritt zurück.
Deutschland soll wieder Großmacht werden – dazu gehören dreierlei: die Bereitschaft, Krieg als Mittel der Politik jederzeit einsetzen zu können und dafür eine gigantische Hochrüstung auf den Weg zu bringen; sich die ultimative Waffe, die Atomwaffe, zu besorgen; und die Feindschaftserklärung gegenüber Russland – die Macht, die seit der Niederlage des deutschen Faschismus den deutschen Konservativen als natürlicher Feind gilt. Denn es ist, aus ihrer Sicht, allein Russland, das Deutschlands Hegemonie in Europa hemmt.
Gernegroß will Großmacht sein
Und wieder einmal – auch das gilt es zu erwähnen – rennt Jens Spahn mit seiner Atombombeninitiative der AfD hinterher. Deren Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen hat bereits im März 2025 erklärt: „Deutschland braucht eigene Atomwaffen und zwingend eine Wehrpflicht – auch für Frauen. Dafür muss so schnell wie möglich das Grundgesetz geändert werden.“ Hier wächst zusammen, was zusammengehört. Ganz nebenbei erledigt sich die AfD als angebliche Friedenspartei. Die Bundesregierung aber insgesamt – insofern ist auch die Kritik der SPD wohlfeil – hält sich die Beschaffung von Atombomben offen. Die SPD verhinderte noch in der Ampel den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag vom 20. September 2017. Artikel 1 des Atomwaffenverbotsvertrags verbietet den Besitz von Atomwaffen. Deutschland hat den Atomwaffenverbotsvertrag auf maßgebliches Drängen der SPD weder unterzeichnet noch ratifiziert.
Am Ende geht es allein darum, den Großmachtstatus doch noch einmal anstreben zu können. Die Großmachtpläne aber bringen die Bevölkerung hierzulande in höchste Gefahr. Man muss damit rechnen, dass Merz und Co. dafür auch bereit sind, wie mit der möglichen Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine, einen Krieg mit einer Atommacht zu riskieren und Deutschland zum atomaren Schlachtfeld zu machen. Eine gefährliche Nostalgie greift um sich. Gernegroß versucht sich jetzt in Großmachtpolitik.
Quelle und Foto: Overton-Magazin

