Gutes Gas, schlechtes Gas
Die Russland-Sanktionen stellen einen Wirtschaftskrieg dar, der die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie aufs Korn nimmt. Wer sie befürwortet, setzt sich einfach nur für die Profitinteressen der US-Gaskonzerne ein – auch wenn das den eigenen wirtschaftlichen Niedergang bedeutet. Kolumne von Sevim Dagdelen im Overton-Magazin vom 29. Februar 2025.
Unbedarfte Beobachter wurden kürzlich von der Meldung über neue Rekordzahlen beim Import von russischem Flüssiggas in die EU überrascht. Deutschland sei dabei einer der Hauptabnehmer. Die Sanktionen gegen russische Energieimporte, die weitgehende Zerstörung der Nord-Stream-Pipeline sowie die Kappung des Transfers russischen Gases durch die Ukraine, haben zu einem Rekord des Importes von LNG-Gas aus den USA geführt. Aber auf der anderen Seite auch zu Rekordimporten von russischem Gas per Schiff.
Die Sanktionen gegen Russland sind mit dem Argument aufgezogen worden, der russischen Kriegswirtschaft die Finanzierung zu nehmen. Nun aber muss man ernüchtert feststellen, dass lediglich die Transportform verändert wurde. Einer eigenartigen Logik folgend gilt das per Pipeline importierte Gas als schädlich, während gleichzeitig offenbar gerne LNG-Gas aus Russland eingeführt wird, allerdings zu deutlich höheren Preisen.
Diese pseudomoralische Schmierenkomödie nach dem Motto „Gutes Gas, schlechtes Gas“, wird nun seit fast drei Jahren aufgeführt. Es scheint in erster Linie um eine Veränderung der Importwege Europas und Deutschlands zu gehen. Den USA hat man signalisiert, künftig aus Russland kein Gas per Pipeline mehr importieren zu wollen. Und beim LNG hat Washington die Nase vorn. 80 bis 90 Prozent des Flüssiggases für Deutschland stammen bereits jetzt aus den Vereinigten Staaten. Und US-Präsident Donald Trump macht Druck, dass die Europäer noch wesentlich mehr Gas in den USA einkaufen – „buy, baby, buy“!
Nord-Stream-Sprengung wird im Dunkeln gehalten
Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch ist es der Trump-Administration gelegen, Europa noch enger an Washington zu binden. Wer die Sprengung der Nord-Stream-Gasleitungen zu verantworten hat, lässt man dabei bewusst im Dunkeln, trotz des ausdrücklichen Bekenntnisses von US-Präsident Trump, dass es die Russen nicht waren.
Damit aber Europa nicht ganz untergeht, sind die LNG-Lieferungen aus Russland bisher von den Sanktionen ausgenommen. Russland selbst hat sich Alternativen über Pipelines nach China und die Vervielfachung des LNG-Exportes geschaffen. Die Stilllegung der ukrainischen Durchleitungspipelines haben für Russland wirtschaftlich praktisch fast keine Bedeutung, während das Bruttoinlandsprodukt der Ukraine durch den Entfall der Durchleitungsgebühren um weitere 0,5 Prozent abzusinken droht. Doch Kiew kann ja auf Ausgleich durch scheinbar ewige Finanztransfers aus Brüssel zählen. Das Geld dafür kommt zu einem Viertel von den deutschen Steuerzahlern.
Wenn man aus dieser Warte die EU-Sanktionen und deren abermalige Verlängerung betrachtet, muss man unweigerlich feststellen, dass das der Öffentlichkeit präsentierte Ziel einer Schädigung oder gar Ruinierung der russischen Wirtschaft nicht mit der Realität in Einklang zu bringen ist.
Weg frei für teures LNG-Gas aus den USA
Bei der pseudomoralischen Ökonomie der Gaslieferungen geht es vorrangig darum, den US-Gasunternehmen den Weg freizumachen und Europa geopolitisch noch stärker an Washington zu binden. Die direkte Intervention der neuen US-Administration beim ungarischen Regierungschef Viktor Orban mit dem Ziel, ein Veto gegen eine Verlängerung der Sanktionen zu verhindern, macht vor diesem Hintergrund Sinn.
Die Sanktionen sind ein Wirtschaftskrieg, der nicht in erster Linie Russland, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie aufs Korn nimmt. Gesellschaftliche Akzeptanz aber für den damit verbundenen Niedergang soll dadurch erreicht werden, dass man der Bevölkerung das Märchen zu erzählen versucht, die Sanktionen schadeten Russland und man könne so doch noch einen Sieg im Stellvertreterkrieg der USA und NATO in der Ukraine erringen.
Sagen wir es unverblümt: Wer die Sanktionen befürwortet, setzt sich einfach nur für die Profitinteressen der US-Gaskonzerne ein, auch wenn das den wirtschaftlichen Niedergang des eigenen Landes mit bedeutet. Die Zukunft für Europa zu gewinnen geht aber nur, wenn wir uns nicht permanent weiter ins eigene Knie schießen und irrigerweise meinen, damit andere treffen zu können.
Quelle: Overton-Magazin
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