Weichenstellung für Krieg gegen Russland

Gastbeitrag von Sevim Dagdelen in der Schweizer Weltwoche am 5. Juli 2026 anlässlich des NATO-Gipfels in Ankara.

Der NATO-Gipfel in Ankara dürfte historisch werden. Drei grundlegende Entscheidungen hat der Militärpakt bereits vorbereitet:

Erstens: Die NATO steht unmittelbar vor dem direkten Kriegseintritt gegen Russland. Was als Stellvertreterkrieg in der Ukraine begann, soll nun ausgeweitet werden. Kiews Kriegsführung und die Finanzierung des Krieges beruhen fast vollständig auf NATO-Ressourcen – auch bei den Angriffen der Ukraine tief im russischen Hinterland. Geplant ist die Überweisung von jeweils 70 Milliarden Euro aus den NATO-Staaten. Für 2026 und 2027 geht es somit um 140 Milliarden Euro, die der europäische Steuerzahler übernehmen soll. Die USA haben sich weitgehend aus der Finanzierung zurückgezogen. Die Deutschen sind an der Spitze der Europäer zum größten Finanzier der korrupten Ukraine aufgestiegen.

Passend zum Kriegseintritt wenden sich die ukrainische Führung und die NATO in einer bis zum 20. Juli laufenden Ausschreibung an die Privatwirtschaft. Es geht um einen „Ideenwettbewerb“: Private Firmen sollen helfen, russische Militärflugplätze tief hinter der Front anzugreifen. KI soll dabei eine zentrale Rolle spielen. Es wird kein Hehl mehr aus der eigenen Kriegsabsicht gemacht.

Zweitens: In Ankara soll auf Initiative der USA eine NATO 3.0 entstehen. NATO 3.0 heißt nichts weiter, als dass die Verantwortung für den Krieg in Europa künftig vor allem auf die Europäer und hier besonders auf die Deutschen übergehen soll. Während sich die USA verstärkt in West- und Ostasien engagieren wollen – nach der de-facto-Kapitulation im Angriffskrieg gegen den Iran, um ihre schwindende Hegemonie zu halten –, sollen es die Europäer unter der Führungsmacht Deutschland mit der Atommacht Russland aufnehmen und damit den Weltkrieg riskieren.
Wäre es nicht so gefährlich, könnte man darüber lachen, wie die Revanchisten aus der Mitte der Gesellschaft die Möglichkeit, die ihnen die USA scheinbar verschafft haben, bejubeln und von einer Kapitulation Russlands träumen.

Drittens: Die europäischen Gesellschaften werden auf den Weg in den Rüstungs- und Militärstaat gedrängt. Die USA mahnen die rasche Erfüllung des Fünf-Prozent-Ziels der NATO an. Für Europa bedeutet dies aber bei einer Stagnation der Wirtschaft die höchstmögliche Gefährdung des sozialen Zusammenhalts. Der Sozialstaat, eine Errungenschaft von 150 Jahren, wird zunehmend der Aufrüstung geopfert. Europäische NATO und EU wirken dabei wie eine tragikomische Kopie einer Sowjetunion der 1980er Jahre. Während die Industrie durch einen selbst begonnenen Wirtschaftskrieg verkümmert und am Mangel an preiswerter Energie zugrunde geht, boomen die Rüstungskonzerne in den Händen von US-Investmentfonds wie BlackRock.

Kurzum: Auf dem NATO-Gipfel in Ankara drohen sämtliche Fehlentscheidungen der Vergangenheit wie in einem Brennglas zu verschmelzen. Die NATO mobilisiert alle Kräfte, um für die USA den Aufstieg der BRICS zu bremsen. Die USA sind dabei aber bereit, ihre europäischen Verbündeten notfalls unter den Bus zu werfen. Verkrampft versucht der deutsche Verteidigungsminister stellvertretend zu dementieren, man wäre kein Vasall. Doch das Dementi klingt hohl – nicht einmal er selbst scheint es zu glauben. Gefährlich ist vor allem die Beseeltheit, da es jetzt (wieder) gegen Russland geht. Dabei müsste Boris Pistorius genau wissen, dass die NATO ihrem Selbstbild, ein Verteidigungs- noch ein Wertebündnis zu sein, in Wahrheit kaum ähnelt.

Vergessen werden darf nicht: Die NATO wird schon bald mit den Geistern, die sie rief, zu tun bekommen. In Kiew plant der ukrainische Präsident Selenskyj ein sogenanntes Helden-Pantheon, in dem ausdrücklich auch Nazi-Kollaborateure geehrt werden sollen. In Polen ist man zu Recht beunruhigt, in Deutschland aber schweigt die Regierung dazu, um die deutsch-ukrainische Achse nicht zu gefährden. So entfesselt der bevorstehende NATO-Krieg bereits die Widersprüche unter den Mitgliedern des Militärpakts, die die Allianz am Ende kaum überleben dürfte, es sei denn als bloße Hülle.


Quelle: Die Weltwoche

 

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