Deutschland steuert auf historischen Bruch mit Peking zu

Die abgesagte China-Reise des deutschen Außenministers markiert den Bruch mit Helmut Schmidts China-Politik und treibt Deutschland tiefer in Washingtons Konfrontationskurs. Ein Gastbeitrag von Sevim Dagdelen in der Berliner Zeitung vom 24. Oktober 2025.

Der Besuch des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt in Peking vor 50 Jahren war ein Besuch, der die deutsch-chinesischen Beziehungen auf eine ganz neue Ebene hob. Am 31. Oktober 1975 traf Schmidt mit dem chinesischen Staatschef Mao Zedong zusammen. Zur Vorbereitung hatte er sich in Gedichte Maos eingelesen. Es war der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in China.

Helmut Schmidt blieb zeitlebens jemand, der mit der kolonialen Vergangenheit des Westens in China brechen wollte und sich für Beziehungen auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt aussprach. So forderte er etwa in seiner Besprechung des Buches des chinesischen Staatsoberhaupts Xi Jinping „China regieren“ den Westen auf, in der Beziehung zu China „an die Stelle der Arroganz den fairen Wettbewerb“ zu setzen. Gute Beziehungen zu China gehörten zu den Prioritäten deutscher Außenpolitik.

Wadephul auf Kollisionskurs

Fast auf den Tag genau 50 Jahre später wollte sich der deutsche Außenminister Johann Wadephul nach China aufmachen. Eigentlich sollte der Besuch die China-Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz noch in diesem Jahr vorbereiten. Doch dies schien in weite Ferne gerückt. Kurz vor Antritt zog der deutsche Außenminister die Reisleine und sagte ab – aus terminlichen Gründen. Von vornherein standen Wadephuls Besuchsplanungen unter einem schlechten Stern.

Wadephul gilt als der Mann, der deutsche Außenpolitik ausschließlich nach Washingtoner Vorgaben umsetzt. Das Portal The Pioneer analysiert diese Misere im Hinblick auf die Beziehungen zu Peking so treffend wie vorsichtig: „Vor allem gegenüber China findet der CDU-Mann aus Husum nicht den richtigen Ton.“

In der Tat gilt Wadephul als Elefant im Porzellanladen der deutsch-chinesischen Beziehungen. Sein Auftreten erweckt den Eindruck, er wolle an die antichinesische Wende der deutschen Außenpolitik von 1937 anknüpfen und erneut ein Bündnis mit Japan gegen China und Russland anstreben. Im Rahmen seiner jüngsten Asienreise nach Japan und Indonesien im August attackierte er China und warf Peking ein „zunehmend aggressives Auftreten“ in der Straße von Taiwan sowie im Ost- und Südchinesischen Meer vor.

Selbst in Tokio griff Wadephul Peking direkt an. Er nannte China als Quelle der Bedrohung für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Region und wetterte, China drohe „mehr oder weniger offen, den Status quo einseitig zu verändern und die Grenzen zu seinen Gunsten zu verschieben“.

Wadephul wandelt auf den Spuren von Baerbock

Ein diplomatischer Affront, der gegenüber den Mahnungen Helmut Schmidts für einen fairen Umgang mit China nur als 180-Grad-Wende der deutschen Außenpolitik bezeichnet werden kann. Wadephul wandelt auf den Spuren der moralisierenden Außenpolitik der grünen Außenministerin Annalena Baerbock. Allerdings ist sein Zerstörungspotenzial noch weit höher als das seiner Vorgängerin.

So verwunderte es nicht, dass bereits im Vorfeld seiner Reise fast alles schief ging.
Die wichtigsten Wirtschaftsführer zogen es vor, zu Hause zu bleiben, denn Wadephul gilt inzwischen als jemand, der das Potenzial hat, jedes Geschäft in China zu verderben. Spiegelbildlich hatten auch die wichtigen Staatspolitiker in Peking keine Zeit. Wadephul hätte weder den Ministerpräsidenten noch den Staatspräsidenten oder dessen Stellvertreter getroffen.

Viel spricht dafür, dass Wadephul in ganz anderer Mission unterwegs sein wollte – nicht, um einen Neubeginn der deutsch-chinesischen Beziehungen einzuleiten, sondern um den Stopp-over als Schlusspunkt zu setzen. Davon aber nahm er offenbar in letzter Minute Abstand. Vielleicht hatte ihn Washington selbst zurückgepfiffen, weil erst der Gipfel zwischen Donald Trump und Xi Jinping am 30. Oktober abgewartet werden sollte.

Diese Annahme der Beziehungszerstörung scheint auf den ersten Blick unwirklich. China ist erst jüngst infolge der trumpschen Zollpolitik wieder zum größten Handelspartner Deutschlands und der EU avanciert. Berlin und Brüssel haben sich allerdings zu nützlichen Bütteln der Wirtschaftskriegsstrategie des Weißen Hauses gegen China machen lassen. Die dunklen Wolken der Folgen dieser Politik ziehen bereits am europäischen Himmel auf.

Hybris, Doppelmoral und koloniale Denkmuster

Weder die deutsche noch die europäische Außenpolitik scheinen auf die Anwendung des Prinzips der Gegenseitigkeit in den internationalen Beziehungen vorbereitet zu sein. Das aber ist genau die koloniale Erwartungshaltung des Westens, die sich aktuell in den Beziehungen zu China fortschreibt. Es ist die Erwartung, dass eigene Maßnahmen gegen ein anderes Land nicht beantwortet werden, weil dieses Land es nicht wagen wird, gegen die vom Westen etablierten eigennützigen Regeln zu rebellieren. Das aber ist genau die Haltung, die die rasante Entwicklung Chinas, auf die jemand wie Helmut Schmidt immer hingewiesen hatte, völlig ignoriert.

Wadephul erscheint in Asien lediglich als Knappe des Ritters Trump, der versucht, die chinesischen Windmühlenflügel zu bekämpfen. Konkret: Man beklagt die Restriktionen Chinas beim Export der Seltenen Erden für westliche Rüstungsbetriebe, ohne zu erkennen, dass entsprechende Exportverbote nach China vonseiten der USA ausgingen. Man beklagt chinesische Zölle auf US-Produkte, ohne zu erwähnen, dass der erste Schuss im Handelskrieg mit Peking eindeutig von den USA abgefeuert wurde. Man lässt durch die Niederlande einen chinesischen Chip-Hersteller unter westliche Kontrolle stellen und beschwert sich dann, dass China keine Chips mehr nach Europa liefert und die Produktionsbänder bei Volkswagen stillstehen. Und nicht zuletzt möchte man Peking in Sachen Menschenrechte Mores lehren, unterstützt aber – wie etwa die deutsche Bundesregierung – den Völkermord Israels an den Palästinensern im Gazastreifen mit Waffen und Handelsvergünstigungen.

Was die deutsche Außenpolitik angeht, kommt in der Gestalt von Johann Wadephul zu der Doppelmoral auch noch eine historisch gewachsene, besonders unangenehme und in der internationalen Politik fast schon tödliche Eigenschaft hinzu: die Hybris, eine gnadenlose Selbstüberschätzung. Man meint ernsthaft, die Aufträge der USA gegen die Großmacht China ausführen zu können, ohne selbst schwersten Schaden zu nehmen. Der unbedingte Wille Wadephuls zur Herausforderung Pekings wird dort sicherlich belächelt, so wie man das Bellen eines Hundes als Äußerung seines Herrn versteht. Doch zugleich – und hier sollte sich Herr Wadephul von seinen Beratern nicht täuschen lassen – ist China ein Land, das bereit ist, eine Herausforderung anzunehmen.

Bundesregierung zerstört Beziehungen zu China

Wer glaubt, in China mit einer kolonialen Attitüde Erinnerungen an Kaiser Wilhelm und seine berüchtigte Hunnenrede bei der Ausschiffung des deutschen Expeditionskorps für die westliche Kolonialmission gen China auslösen zu müssen, dürfte überrascht sein, zu welchen Antworten ein Land fähig ist, das mittlerweile in fast allen Bereichen als Welttechnologieführer zählt.

Klar ist – und das ist vielleicht das größte Missverständnis Johann Wadephuls –, die Bundesregierung von Bundeskanzler Friedrich Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil ist dabei, die Beziehungen zur Großmacht China zu zerstören und sich die Feinderklärungen der USA zu eigen zu machen. So drohen 50 Jahre deutsch-chinesische Beziehungen zu Ende zu gehen und eine beispiellose Selbstzerstörung unseres Landes auf den Weg gebracht zu werden, gegen die die Folgen der Sanktionspolitik gegenüber Russland nur ein leichter Vorgeschmack waren.

China ist ein Zentrum der multipolaren Weltordnung. Diese Erkenntnis ist dringend nötig. Eine deutsche Außenpolitik, die im Interesse der verzweifelten Aufrechterhaltung der zum Untergang verurteilten unipolaren Weltordnung der USA handelt, ist zum Scheitern verurteilt. Im Interesse der deutschen Bevölkerung liegt es dagegen, mit diesem Zentrum in guten Beziehungen zu stehen.

Sevim Dagdelen ist Publizistin, außenpolitische Sprecherin des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und war viele Jahre stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages.


Quelle: Berliner Zeitung

 

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