„Die BRICS fürchten die Kolonialherren-Mentalität des Westens“
In Peking endete die Xiangshan-Sicherheitskonferenz. Der Westen ist zunehmend isoliert. Ein Interview mit der BSW-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen (Berliner Zeitung vom 19. September 2025.
In Chinas Hauptstadt fand von Mittwoch bis Freitag das 12. Xiangshan-Forum statt. Unter den 1800 Militärstrategen, Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern aus 100 verschiedenen Ländern nahmen keine deutschen Regierungsmitglieder teil. Die BSW-Außenpolitik-Expertin Sevim Dagdelen war jedoch als Teilnehmerin vor Ort. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung berichtet sie über die Sicht des Globalen Südens auf den Krieg in der Ukraine und in Gaza. Der Westen werde international zunehmend isoliert, sagt sie. Und die Europäer hätten besonders großen Unmut in China auf sich gezogen.

Frau Dagdelen, Sie haben an dem Xiangshan-Sicherheitsforum in Peking teilgenommen. Es gilt als chinesisches Pendant zur Münchner Sicherheitskonferenz. Stimmt der Vergleich?
Das Xiangshan-Forum bringt, wie die Münchner Sicherheitskonferenz, Diplomaten, Politiker und Militärs zusammen, hat jedoch einen ganz anderen inhaltlichen und formellen Charakter. In Peking kommen auch Vertreter aus kleineren Ländern stärker zu Wort. Im Vordergrund stehen Debatten über friedliche Konfliktlösungen und Mechanismen gegenseitiger Sicherheit.
In München hingegen sieht man ein großes transatlantisches Schaulaufen. Dort werden neue Rüstungsdeals geschlossen, teilweise laut Medienberichten sogar von den Organisatoren selbst vermittelt. Nein, beim Xiangshan-Sicherheitsforum steht der Dialog im Vordergrund – dabei wird auch kontrovers diskutiert.
Sie wurden eingeladen, auf einem Podium zum Thema „Der Sieg über den weltweiten antifaschistischen Krieg und die internationale Ordnung“ mitzudiskutieren. Worum ging es?
Im Zentrum stand die Einordnung der internationalen geopolitischen Lage 80 Jahre nach dem Sieg über den Faschismus. Es springt ins Auge, dass das politische Establishment in Europa überhaupt nicht wahrnehmen will, wie viel diplomatisches Porzellan ihre Repräsentanten zerschlagen. Gerade die jüngsten Äußerungen der Außenbeauftragten der Europäischen Union, Kaja Kallas, haben für großes Unverständnis gesorgt. Die Estin hatte im Namen der EU infrage gestellt, dass China und die Sowjetunion maßgeblichen Anteil am Sieg über Nazi-Deutschland und den japanischen Militarismus hatten. Das ist eine absolute Beleidigung – angesichts der über 20 Millionen Toten, die China im Kampf gegen die japanischen Faschisten verzeichnet hat.
Vor dem Hintergrund solcher instinktlosen Äußerungen fragt man sich schon, ob die politische Führung der EU inzwischen völlig verblödet ist. Man kann dieses Statement einer der ranghöchsten Vertreterinnen der EU nicht einfach als verwirrt oder uninformiert abtun. Es wird sehr genau registriert, dass das krude Geschichtsbild von Frau Kallas gerade bei den Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Polens und Italiens auf keinerlei Widerspruch gestoßen ist. Man muss daher das historische Urteil von Frau Kallas als Zeichen einer EU-Politik verstehen, die versucht, die Geschichte umzuschreiben – gegebenenfalls, um einen Krieg geschichtspolitisch zu flankieren. Die Bemerkung von Kaja Kallas erinnert an den Satz des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Ein Satz, der in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz die Lebenden mahnt.
Sie waren die einzige Podiumsteilnehmerin aus Deutschland. Warum kam kein offizieller Vertreter der Bundesregierung?
Soweit ich informiert bin, war die Bundesregierung eingeladen. Es ist eine vertane Chance, dass niemand aus dem Kabinett von Kanzler Friedrich Merz das Forum als Dialogplattform in und mit China wahrgenommen hat. So war die Bundesrepublik lediglich über die Attachés der deutschen Botschaft vertreten. Statt deutscher Minister waren Militäroffiziere anwesend.
Es ist natürlich ein Statement der Bundesregierung, das Forum ungenutzt zu lassen und keine Minister oder Staatssekretäre zu entsenden – wie es viele andere Länder getan haben. Auf dem Forum war hinter den Kulissen oft zu hören, die USA hätten erfolgreich Druck auf die Europäer ausgeübt. Tatsächlich war unter den 1800 Teilnehmern aus rund 100 Ländern kein einziger hochrangiger Vertreter aus der EU. Man sieht, wie sehr sich Berlin und Brüssel selbst als willfährige Vasallen der USA gerieren. Wenn wir ein solches Forum in China nicht nutzen, um dort über politische und wirtschaftliche Strategien zu diskutieren, und den Amerikanern das Feld überlassen, machen wir genau das, was die Amerikaner wollen: uns in einem Konflikt mit China in die erste Reihe schieben zu lassen. Das grenzt schon an Masochismus und absolute Unterwerfung.
Ein wichtiges Thema auf der Konferenz war der Ukrainekrieg. Was wurde diskutiert?
Viele Teilnehmer teilen die Wahrnehmung, dass der Westen um jeden Preis den Krieg in der Ukraine weiterführen will und daher Verhandlungen blockiert. Es war wirklich bezeichnend, als der stellvertretende ukrainische Verteidigungsminister faktisch unentwegt für die Fortführung des Krieges argumentiert hat – solange, bis Russland besiegt sei. Die Europäer werden international zunehmend als jene Kraft wahrgenommen, die eine Friedenslösung in der Ukraine verhindert – besonders vor dem Hintergrund, dass die USA mittlerweile erste Verhandlungsinitiativen gestartet haben. Es ist doch der schiere Wahnsinn, dass ein Kanzler Friedrich Merz hier Donald Trump nicht unterstützt. Dafür gibt es im Globalen Süden null Verständnis. Immer wieder wird man gefragt, warum Deutschland so völlig von der Rolle ist und scheinbar einen Krieg mit Russland will.
Ein weiterer Großkonflikt ist die israelische Invasion im Gazastreifen. Wie wurde über die Lage im Nahen Osten debattiert?
In den Diskussionen wurde deutlich, wie sehr der Westen mit seiner fortgesetzten Unterstützung des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung inzwischen international isoliert ist. Insbesondere die USA als größter Waffenlieferant Israels – aber auch Deutschland, das noch immer keine signifikanten diplomatischen Schritte gegen die israelische Regierung unternommen hat – werden sehr kritisch betrachtet. Zumal die USA gerade wieder ihr Veto im Sicherheitsrat gegen die Forderung nach einem Waffenstillstand eingelegt haben. Das Morden Israels in Gaza hätte ein Ende, wenn die USA es nicht weiter unterstützten.
Auf dem Xiangshan-Forum kam es deshalb auch zu teils harten Auseinandersetzungen. Der israelische Militärattaché Elad Shoshan, der den Einsatz in Gaza verteidigte, und der renommierte Politikwissenschaftler und Dekan der Tsinghua-Universität, Yan Xuetong, haben heftig diskutiert. Der Videomitschnitt ging viral. Das war ungewöhnlich, gerade weil Chinesen üblicherweise sehr auf das Protokoll achten und in diplomatischen Fragen sehr zurückhaltend sind. Der Genozid in Gaza führt den Ländern des Globalen Südens vor Augen, zu welchen bestialischen Taten der Westen in der Lage ist. Hier wird jede Glaubwürdigkeit verspielt. Die Brics-Staaten fürchten, dass der Westen diese Kolonialherren-Mentalität auf sie ausweiten will – und versuchen, sich untereinander stärker zu vernetzen, um sich dagegen wehren zu können.
China und die USA kämpfen um den Status der Weltmacht Nummer eins. Wieviel Raum nahm der Großkonflikt auf der Konferenz ein?
Der chinesische Verteidigungsminister Dong Jun und auch die Organisatoren haben in ihren Reden hervorgehoben, dass die internationale Ordnung in Gefahr ist. Nicht die Nato solle die Regeln setzen, sondern die Charta der Vereinten Nationen, betonte er. Das waren klare Worte. Die chinesische Seite hat stets betont, nicht darauf abzuzielen, eine global dominante Macht zu werden. Peking setzt auf eine multipolare Weltordnung. Die USA hingegen – die nicht mit offiziellen Vertretern anwesend waren – versuchen, China zu isolieren. Es war jedoch spürbar, dass diese Strategie äußerst prekär ist und der Westen sich stattdessen selbst isolieren könnte.
Interview: Simon Zeise
Quelle: Berliner Zeitung

