Rede bei Belmarsh-Tribunal in Washington: Freiheit für Julian Assange

Am 9. Dezember trat Sevim Dagdelen mit weltweit führenden Journalisten, Anwälten und Menschenrechtsverteidigern im Rahmen des Belmarsh-Tribunals im National Press Club in Washington als Zeugin für den Angriff der US-Regierung auf die Pressefreiheit auf.

 

Liebe Freunde,

erlauben Sie mir ein Wort zur gestrigen Sitzung des UN-Sicherheitsrates, in der es um die Forderung nach einem sofortigen und humanitären Waffenstillstand in Gaza ging. Das Veto der Vereinigten Staaten von Amerika ist eine Schande und ein Skandal. Es zeigt uns, dass das Gerede über die westlichen Werte nichts ist als eine Farce. Die westliche Presseberichterstattung über Gaza zeigt uns auch, wie sehr wir die Stimme von Julian Assange brauchen, der einmal gesagt hat: „Wenn Kriege durch Lügen begonnen werden können, kann der Frieden durch die Wahrheit begonnen werden.“

Vor über elf Jahren hatte ich die Ehre, Julian Assange als erste Parlamentarierin in seinem ecuadorianischen Botschaftsasyl in London zu besuchen. Seit über elf Jahren ist Julian Assange seiner Freiheit beraubt – sieben Jahre als politischer Flüchtling, über vier Jahre als politischer Gefangener im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. In diesen elf Jahren hat sich die Verfolgung von Julian Assange immer weiter zugespitzt. Heute steht Julian kurz vor dem Ende eines Schauprozesses, der einem Rechtsstaat gänzlich unwürdig ist, und ist einer Auslieferung an die USA so nahe wie noch nie. Julian Assange ist angeklagt, weil er US-Kriegsverbrechen veröffentlicht hat. Mit Julian Assange auf der Anklagebank sitzt das Recht der Menschen auf Wahrheit, das Recht eines jeden Journalisten weltweit, ohne Angst vor staatlicher Verfolgung und Repression die Öffentlichkeit über Missstände und die Verbrechen der Mächtigen aufklären zu können. Und es geht auch um das Recht der Parlamentarier, die Wahrheit darüber zu erfahren, was ihre Regierungen tun und dass all ihr Gerede über saubere Kriege nichts als Schwachsinn ist, denn alle Kriege sind brutal und nicht sauber.

Mit Julian Assange auf der Anklagebank befindet sich nichts weniger als das, was in unseren Breitengraden gerne als „westliche Werte“ hochgehalten wird. Julian Assanges Verbrechen besteht darin, wie kaum ein anderer die Doppelmoral der „westlichen Wertegemeinschaft“, deren Opfer er schließlich selbst geworden ist, als solche entlarvt zu haben. Dafür soll er bestraft und an ihm ein Exempel statuiert werden. Die Verfolgung von Julian Assange durch die US-Regierung zielt darauf ab, ihn und mit ihm die Wahrheit zum Schweigen zu bringen. Es ist eine Schande und eine schwere Hypothek für die eigene Glaubwürdigkeit, dass die restlichen westlichen Staaten hierbei weitgehend tatenlos zusehen.

Nicht untätig geblieben sind weltweit zahlreiche Menschen und Organisationen, die in den vergangenen Jahren Widerstand gegen die Verfolgung von Julian Assange, gegen diesen beispiellosen Angriff auf die Pressefreiheit, organisiert haben. In Deutschland etwa haben wir im Jahr 2020, wenige Monate nach Beginn des Auslieferungsprozesses gegen Julian Assange, eine fraktionsübergreifende parlamentarische Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen „Freiheit für Julian Assange“ gegründet, an der sich Abgeordnete aus allen demokratischen Parteien beteiligen. Solche Gruppen haben wir anschließend auch in anderen Ländern Europas aufgebaut.

Zwei Jahre später, wenige Tage nachdem die britische Regierung der Auslieferung Assanges an die USA zugestimmt hat, ist es uns gelungen, im deutschen Parlament mit großer parteiübergreifender Mehrheit eine Resolution für die Freilassung von Julian Assange zu verabschieden. Darin verurteilt der Deutsche Bundestag erstmals die politische Verfolgung von Julian Assange als Angriff auf die Pressefreiheit und fordert die Bundesregierung auf, sich für dessen Freilassung aus britischer Haft einzusetzen und gegenüber der US-Regierung auf ein Ende der Verfolgung hinzuwirken. Dieser Erfolg ist ein Beispiel von vielen einer weltweit wachsenden Bewegung für die Freiheit von Julian Assange und den Schutz der Pressefreiheit.

So erfreulich diese Entwicklungen auch sind, dürfen wir nicht vergessen: Über die Zukunft und das Leben von Julian Assange wird allein in Washington entschieden. Hier in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Verfolgung von Julian Assange begonnen hat, hier kann und muss sie beendet werden. Daher ist es ein hoffnungsvolles Signal, dass sich nun auch hier Vertreter des Repräsentantenhauses und des Senats zusammengefunden haben, um in einem von beiden Parteien getragenen Brief die Biden-Regierung aufzufordern, die Verfolgung von Julian Assange zu beenden. Nun da die Auslieferung von Julian Assange immer näher rückt, ist es an uns, den Druck weiter zu erhöhen und unsere Kräfte zu vereinen. In den letzten Tagen habe ich mit Kolleginnen und Kollegen im US-Kongress Gespräche geführt und für eine transatlantische Initiative für die Freiheit von Julian Assange geworben. Wenn sich die Regierenden zusammentun und sich ihrer demokratischen Kontrolle zu entledigen versuchen, indem sie einen der wichtigsten Chronisten der Widersprüche und Missstände ihrer Politik mundtot machen, dann ist es unser aller demokratische Pflicht, dem kollektiv entgegentreten. Freiheit für Julian Assange zu fordern, bedeutet für die Wahrheit eintreten und die Grundrechte verteidigen, auf denen sich unsere Gemeinwesen gründen. Es steht mehr auf dem Spiel, als dass uns Parteigrenzen oder ein zwischen uns liegender Ozean daran hindern sollten, uns zusammenzuschließen. Freiheit für Julian Assange, Freiheit für die Presse, Freiheit für die Wahrheit! Vielen Dank.


Englisch:

Dear Friends,

Just allow me to say a word in the light of the UN Security Council meeting last night regarding the call for an immediate and humanitarian ceasefire in Gaza. The veto of the United States of America is a shame and a scandal. It shows us that the talk about the western values is nothing than a farce. The Western press coverage of Gaza also shows us how much we need the voice of Julian Assange, who once said: “If wars can be started by lies, peace can be started by truth.”

Over eleven years ago, I had the honour of being the first parliamentarian to visit Julian Assange during his asylum in the Embassy of Ecuador in London. For over eleven years, Julian Assange has been deprived of his liberty – spending seven years as a political refugee in the Ecuadorian Embassy and more than four years as a political prisoner in the high-security prison Belmarsh.

Over the course of these eleven years, the persecution of Julian Assange has been continually ramped up. Today, he is facing the end of a show trial which is completely unworthy of a rule-of-law state, and he is closer to extradition to the USA than ever before. Julian Assange is facing charges because he published information on US war crimes. It is not only Julian Assange who is in the dock; it is also people’s right to know the truth, the right of every journalist worldwide to inform the public about unacceptable situations or the crimes of the powerful without fear of state persecution and repression. And it is also the right of parliamentarians to know the truth about what their governments are doing and that all their talks about clean wars is nothing but bullshit, because all wars are brutal and not clean. Julian Assange is joined in the dock by what people in our hemisphere like to proclaim as “Western values”, no less.

Julian Assange’s crime is to have exposed more than anybody else the double standards of the “Western community of values” – to which he has himself ultimately fallen victim. This is the reason behind attempts to punish and make an example of him. The persecution of Julian Assange by the US government is aimed at silencing him and silencing the truth. The fact that the rest of the Western states are generally standing idly by is a disgrace and serves to undermine our own credibility.

Yet, across the world, numerous people and organisations have refused to stand idly by – they have organised resistance against the persecution of Julian Assange, against the unprecedented attack on press freedom. In 2020 in Germany, for example, only a few months after the beginning of the extradition proceedings against Julian Assange, we founded a cross-party parliamentary working group entitled “Free Julian Assange”, which involves Members of the Bundestag from all the democratic parties and then we followed up with building these kinds of groups in some other countries in Europe.

Two years later, shortly after the British government had agreed to Julian Assange’s extradition to the USA, we at the German parliament successfully adopted with a large cross-party majority a resolution calling for Julian Assange’s release. In this resolution, the German Bundestag condemns for the first time the political persecution of Julian Assange as an attack on press freedom and calls on the Federal Government to work towards his release from custody in the UK and to advocate in its dealings with the US government for an end to his persecution. This success is just one example of a growing worldwide movement campaigning for Julian Assange’s liberty and for protecting press freedom.

Although these developments are encouraging, we must not forget that the decisions on Julian Assange’s future and life are taken in Washington alone. It is here in the United States of America that the persecution of Julian Assange began and that it can, and must, be ended. It is therefore encouraging that representatives from both the House and the Senate have now come together to call on the Biden Administration in a bipartisan letter to end the persecution of Julian Assange. Now that the extradition of Julian Assange is coming closer, it is up to us to increase the pressure further and unite forces. Over the last few days, I have held discussions among others with colleagues from the US Congress and promoted the idea of a transatlantic initiative campaigning for Julian Assange’s freedom.

When governments get together and strive to rid themselves of democratic oversight by silencing one of the most important chroniclers of the contradictions and shortcomings of their policies, then we all have a collective democratic duty to resist this. Calling for freedom for Julian Assange means campaigning for the truth and defending the fundamental rights which are the very foundation of our societies. There is too much at stake to allow party divisions or the ocean which separates us to prevent us from uniting. Free Julian Assange, free press, free the truth! Thank you.


Foto: Democracy Now!

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